Von der Care-Krise zur Care-Gerechtigkeit

Worum es uns geht

Wir wenden uns mit diesem Manifest an die Öffentlichkeit, weil wir den Zusammenhalt unserer Gesellschaft, der über wechselseitige Sorge (Care) gewährleistet wird, gefährdet sehen. Care in allen Facetten ist in einer umfassenden Krise. Hierzu gehören unverzichtbare Tätigkeiten wie Fürsorge, Erziehung, Pflege und Unterstützung, bezahlt und unbezahlt, in Einrichtungen und in privaten Lebenszusammenhängen, bezogen auf Gesundheit, Erziehung, Betreuung u.v.m. – kurz: die Sorge für andere, für das Gemeinwohl und als Basis die Sorge für sich selbst, Tag für Tag und in den Wechselfällen des Lebens. Care ist Zuwendung und Mitgefühl ebenso wie Mühe und Last. Gleichwohl ist Care keine Privatangelegenheit, sondern eine gesellschaftliche Aufgabe. Auch wenn derzeit einzelne Themen öffentlich verhandelt werden (Kita-Ausbau, Pflegenotstand, Burnout etc.), sind grundsätzliche Lösungen nicht in Sicht. Das Ausmaß der Krise zeigt sich erst, wenn alle Care-Bereiche zusammen gedacht werden.

Eckpunkte der Care-Krise

Seit den 1970er Jahren hat sich die Gesellschaft hin zur flexibilisierten und globalisierten Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft grundlegend verändert. Die Organisation von Care-Aufgaben spiegelt jedoch noch ihre historische Entstehung im 19. Jahrhundert. Care wurde
– Frauen zugewiesen,
– abgewertet als ihre scheinbar natürliche Aufgabe,
– unsichtbar gemacht im privaten Raum der Familie oder
– unterfinanziert und semi-professionalisiert im sozialen Bereich organisiert.

Inzwischen haben zahlreiche Veränderungen stattgefunden, erkennbar z.B. an
– der Zunahme von Frauen- und Müttererwerbstätigkeit,
– gestiegenen Bildungsansprüchen,
– veränderten Ansprüchen an Beziehungsqualitäten,
– einer höheren Lebenserwartung,
– der steigenden Komplexität in der Gesundheitsversorgung,
– neuen Pflegeanforderungen und -bedarfen.

Weder die aktuelle Organisation noch die Qualität von Care passen zu veränderten gesellschaftlichen sowie individuellen Bedingungen und Ansprüchen. Die Sorge für andere wird für die Betroffenen oft zur Zerreißprobe und die hieraus entstehenden Folgen und Dilemmata sind individuell kaum mehr lösbar. Wir befinden uns mitten in einer umfassenden Care-Krise, die von der aktuellen neoliberalen Politik verschärft wird.

Schwierig ist, dass diese Care-Krise immer nur an einzelnen Stellen aufscheint, wenn Frauen und Männer versuchen, individuell und oft mit großer Anstrengung, strukturelle gesellschaftliche Probleme zu bewältigen. Selbst der in Deutschland ab August 2013 realisierte Rechtsanspruch auf die Betreuung von unter dreijährigen Kindern ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Qualitätsprobleme zeichnen sich ab, und die Organisation von Erwerbsarbeit, öffentlichen Dienstleistungen und Infrastrukturen ignorieren weiterhin Care-Bedarfe.

Die Care-Krise wird auch im professionellen Bereich sichtbar. Die Fachkräfte für Erziehung, Pflege und Betreuung sind überfordert, da sich ihre Arbeitsbedingungen verschlechtern (Arbeitsverdichtung, Zeitdruck, Personalnot, prekarisierte Beschäftigungsverhältnisse). Gleichzeitig steigen die Ansprüche an sie (Bildung in der Kita, Aktivierung in der Pflege). Neu entstanden ist zudem ein Schattenarbeitsmarkt globalisierter Arbeitsverhältnisse im Privaten: die Pflegehilfe aus Ungarn, das Kindermädchen aus Ecuador, die Putzfrau aus Kroatien. Die Globalisierung von Care zeigt sich auch in der Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte sowie der Verlagerung von Pflege ins Ausland, z.B. nach Polen oder Thailand. Care ist nicht nur ein Problem geschlechtsbezogener, sondern auch internationaler Arbeitsteilung.

Auswege aus der Care-Krise

Wenn wir Care neu organisieren und zunehmend wertschätzen, gibt es weniger problematische, fragile und von niemandem gewollte schlechte „Lösungen“. Noch werden Care-Aufgaben „irgendwie“ übernommen, aber meist um einen hohen Preis, den vor allem überarbeitete Mütter, gestresste pflegende Angehörige, ausgebrannte Pflegekräfte und Erzieherinnen bezahlen. Doch es geht nicht mehr darum, weitere Notlösungen und unverbundene kleine Maßnahmen zu organisieren, sondern gute, neue, umfassende gesellschaftliche Lösungen zu finden, die den Zusammenhang von Care, Geschlechterverhältnissen, Ökonomie, Arbeitsorganisation, Zeitstrukturen und sozialer Gerechtigkeit im Blick haben. Denn gute Care-Strukturen sind für uns alle die Grundlage eines guten Lebens. Deshalb wird gegenwärtig vielerorts in Europa über Lösungen nachgedacht und über ein Menschenrecht auf gute Sorge diskutiert.

Wir wollen alternative Care-Modelle entwickeln und gesellschaftlich-politische Veränderungsprozesse anstoßen, orientiert an umfassenden Vorstellungen von Gerechtigkeit und einem guten Leben. Hierfür müssen Politik, Unternehmen und Verbände – auch in transnationaler Perspektive – anfangen, Care-Bedarfe als grundlegende gesellschaftliche Aufgabe im Zusammenhang wahrzunehmen, statt Einzellösungen zu entwickeln. Denn über Care wird zwar vielerorts geredet, aber die Diskussionen nehmen bislang weder disziplinär noch politisch oder normativ aufeinander Bezug. Wie beeinflusst die Organisation von Berufsausbildungen die Kinderbetreuung? Wie wirkt sich der Import von Fachkräften in der Pflege auf die Versorgung alter und kranker Menschen in deren Herkunftsländern aus? Wie hängt die Tarifpolitik mit dem Mangel an Erzieherinnen und Erziehern zusammen? Wie können Alleinlebende Care-Aufgaben in ihrem Wohnumfeld wahrnehmen oder bei Bedarf selbst versorgt werden?

Wir wollen Fürsorglichkeit und Beziehungsarbeit neu bewerten, unabhängig von traditionellen Geschlechterbildern. Im Zentrum einer fürsorglichen Praxis steht privat wie professionell die Beziehungsqualität. Menschen sind aufeinander angewiesen und brauchen persönliche Beziehungen. Care stiftet damit individuelle Identität und schafft gemeinschaftlichen Zusammenhalt. Wir brauchen eine neue gesellschaftliche Kultur, in der die Sorge für sich und andere einen eigenständigen Stellenwert bekommt, unabhängig davon, ob eigene Kinder oder Eltern zu versorgen sind. Wir brauchen neue Wege der Bereitstellung, Anerkennung, Aufwertung und Bezahlung wie auch der gesellschaftlichen Organisation von Care-Arbeit auf lokaler, nationaler und transnationaler Ebene.

Wir wollen von der Care-Krise zur Care-Gerechtigkeit: Care.Macht.Mehr!

Initiativgruppe

Prof. Dr. Margrit Brückner, Fachhochschule Frankfurt/M. (i.R.); Prof. Dr. Claudia Gather, Hochschule für Wirtschaft und Recht, Berlin; Dr. Karin Jurczyk, Deutsches Jugendinstitut, München; Frank Luck, Universität Basel; Katharina Pühl, Rosa-Luxemburg-Stiftung Berlin; Prof. Dr. Maria S. Rerrich, Hochschule München; Prof. Dr. Barbara Thiessen, Hochschule Landshut

Erstunterzeichner_innen (Stand: 19.10.2013)

Prof. Dr. Erna Appelt, Universität Innsbruck; Dr. Sabine Beckmann, Universität Bremen; Prof. Dr. Elisabeth Conradi, Duale Hochschule Baden-Württemberg, Stuttgart; Prof. Dr. Angelika Diezinger, Hochschule Esslingen; Prof. Dr. Ute Fischer, Hochschule Dortmund; Prof. em. Dr. Ute Gerhard, Universität Frankfurt/M.; Prof. Dr. Karin Gottschall, Universität Bremen; Prof. Dr. Cornelia Klinger, Institut für die Wissenschaften vom Menschen, Wien; Dr. Anne-Christine Kunstmann, Universität Bielefeld; Dr. Sabine Plonz, Münster; Prof. Dr. Kirsten Scheiwe, Universität Hildesheim; Prof. Dr. Tom Schmid, Sozialökonomische Forschungsstelle, Wien; Dr. Marianne Schmidbaur, Universität Frankfurt/M.; Prof. em. Dr. Eva Senghaas-Knobloch, Universität Bremen